Medien im Blick: Die Schärfsten Presserügen des Jahres 2022

Wir haben in unserer Rubrik Medien auf das Jahr 2022 zurückgeschaut. Der deutsche Presserat hat im vergangenen Jahr 47 Rügen an deutsche Medien verteilt. Unter den Rügen sind auch einige unfassbare Geschichten.

Etliche Podcasts, Zeitungen und Zeitschriften schauen am Ende des Jahres traditionell auf die wichtigsten Nachrichten und Ereignisse zurück. Hier sollen einmal die Medien selbst unter die Lupe genommen werden. Ein Blick auf die Presserügen des deutschen Presserates offenbart ganze 47 grobe Schnitzer der schreibenden Zunft. Der deutsche Presserat ist eine freiwillige Selbstkontrolle der Print- und Onlinemedien des Landes. Er soll die Einhaltung ethischer Regeln im Journalismus prüfen. Als Grundlage dafür dient der so genannte Pressekodex.

Die veröffentlichten Jahresberichte des Presserates zeigen, dass 47 veröffentlichte Rügen innerhalb eines Jahres keinen Höchstwert darstellt – allerdings auch kein Ausreißer nach Unten. Im Jahr 2021 wurden 60 öffentliche Rügen ausgesprochen, 2020 waren es 53, im Jahr 2019 gerade einmal 34 und 2018 wurde einigen deutschen Medien nur 27 mal auf die Finger geklopft.

Vom Zeitverlag bis zu BILD.DE hat es 2022 einige unglaubliche Fälle gegeben, die presseethisch höchstbedenklich sind. Beim Zeitverlag vermischte sich offenbar Werbung und Berichterstattung. Die Bild wurde gleich wegen mehrfacher Verfehlungen gerügt. In der Rubrik „Medien“ schauen wir uns einige der Rügen des vergangenen Jahres etwas näher an.

DIE ZEIT: Verzicht macht die Welt nicht besser“ Eine Kreuzfahrt mit dem Ressortleiter für Klima und Umwelt

2022 wurde beim Zeitverlag ein überaus kurioser Vorgang öffentlich. Für Fehler bei der Trennung von Werbung und Redaktion sprach der deutsche Presserat eine scharfe Rüge aus. Doch halten wir einen Moment inne. Was war überhaupt geschehen? Wie Übermedien berichtet, hat der Zeitverlag seinen Leserinnen und Lesern angeboten, mit dem Leiter des Ressort „Green“, Uwe Jean Heuser, eine Kreuzfahrt zu unternehmen. Ausgerechnet über mögliche Lösungen zur Bewältigung des Klimawandels sollte auf der Kreuzfahrt gemeinsam diskutiert werden. Im Ressort Green steht jedoch Nachhaltigkeit, Umwelt und Klimawandel im Vordergrund.

Daher wirkt es äußerst absurd, dass geplant wurde, mit der MS Europa, ein Schiff der Hapag Lloyd Cruises, auf große Fahrt von Barbados nach Rio de Janeiro zu gehen. Als der Vorgang durch einen Tweet des Journalisten Lorenz Meyer öffentlich wurde, hagelte es Kritik. Auf Nachfrage der Redaktion von Übermedien, habe Heuser seine Teilnahme an der Schiffsreise abgesagt. Auch kein anderes Mitglied des Ressorts werde mitfahren, hieß es. Die Anzeige für die Schiffsreise wurde offline genommen.

So weit so absurd. Doch weshalb erhielt der Verlag denn nun eine Rüge vom deutschen Presserat? Der Zeitverlag bietet auf seiner Seite „Zeit Reisen“ auch verschiedene Fernreisen zum Verkauf an. Dazu gehören auch die genannten Kreuzfahrten an Bord der energiezehrenden Rentnerschaukeln MS Europa oder der Queen Mary 2. Jetzt also zu dem Teil, der nicht nur absurd, sondern auch presseethisch höchst bedenklich ist.

Hapag Lloyd Cruises gehört laut Übermedien zur TUI Cruises GmbH. Dessen Geschäftsführung, Wybcke Meier, hatte unter der Schlagzeile: „Verzicht macht die Welt nicht besser“ einen Gastauftritt bei Zeit Online. Die Chefin der Reisefirma wurde zum Thema Kreuzfahrt und Nachhaltigkeit interviewt.

Eine irgendwie geartete Kennzeichnung oder einen Disclaimer, das der Zeitverlag mit Hapag Lloyd Cruises zusammenarbeite, habe es beim Artikel nicht gegeben. Die Zeit habe laut Übermedien jeden Einfluss der Geschäftspartner auf die eigene Arbeit abgestritten. Nach Auffassung des Presserates hätte der Zeitverlag diesen Interessenkonflikt jedoch kennzeichnen müssen und spricht daher eine Rüge aus.

Von den 47 Rügen diesen Jahres waren gleich 13 unter anderem wegen der fehlerhaften Trennung von Werbung und journalistischer Arbeit. Das Problem ist also bekannt. Leserinnen und Leser verlassen sich auf die korrekte Trennung dieser Bereiche. Verwischen die Grenzen zwischen Berichterstattung und Werbung, nimmt die Kommerzialisierung des Journalismus groteske Züge an.

Axel-Springer-Verlag: Die einsame Spitze der Presserügen

Im Hause Axel-Springer durfte man sich im Jahr 2022 gleich über 15 Presserügen freuen. Ganz oben dabei ist, wie so oft, die BILD beziehungsweise BILD.DE. Doch auch die zur Springer AG gehörende WELT AM SONNTAG und BILD AM SONNTAG wurde in diesem Jahr vom deutschen Presserat gerügt. Die Rüge der WELT AM SONNTAG geht auf den 2021 veröffentlichten Artikel „Chinas unheimliches Netzwerk“ zurück.

Laut Presserat beleuchte der Artikel die chinesische „Propagandastrategie“. Dabei gehe es auch um „deutscher Helfer“, die sich, wie etwa eine Studentin aus Kiel, bei Twitter als prochinesische Influencer verdingen. Der Vorwurf: Im Zuge der Recherche sei aus einem eigentlich vertraulichen Hintergrundgespräch mit der Influencerin zitiert worden. Auch Name, Wohnort, Beruf und ihre Studienrichtung sei veröffentlicht worden. Darin sieht der Presserat einen Bruch mit der vereinbarten Vertraulichkeit. Die Autorinnen und Autoren des Artikels haben laut Presserat Stellung zur Beschwere genommen. Sie hätten nichts berichtet, was die Beschwerdeführerin nicht selbst vorher öffentlich gemacht habe.

BILD.DE schoss 2022 gleich 13 Böcke. Acht mal wird eine Rüge wegen des Verstoßes gegen den Schutz der Persönlichkeit ausgesprochen. Die Bild ist für ein besonders rücksichtsloses vorgehen im Umgang mit Persönlichkeitsrechten bekannt. Unter der Schlagzeile „Feuerdrama in Stuttgart: ‚Meine Frau brennt auf dem Sofa’” habe die Redaktion über einen Wohnungsbrand berichtet, bei dem ein 89-Jähriger vom Balkon aus in seine brennende Wohnung schaute. Seine Frau soll sich noch immer im Haus befunden haben und sei bei dem Brand ums Leben gekommen. Auf einem Bild, das die Redaktion wenige Stunden später entfernte, sei das Gesicht des entsetzten 89-Jährigen deutlich erkennbar gewesen. Neben dem Eingriff in die Persönlichkeitsrechte wird BILD.DE auch der fehlende Respekt gegenüber Opfern von Leid vorgeworfen.

Unter dem Titel „Baby schwer verletzt“ habe die Redaktion von BILD.DE laut Presserat verpixelte Aufnahmen aus Videos einer Überwachungskamera gezeigt. Das Video habe gezeigt, wie ein Vater immer wieder auf seinen drei Monate alten Sohn einschlage. Zwar seien die Personen auf den Bildern vollständig anonymisiert gewesen, jedoch gehe die Redaktion mit einer solchen unangemessenen Darstellung deutlich über das öffentliche Interesse hinaus und mache das Kind so ein weiteres mal zum Opfer.

Pandemie-Berichterstattung : Falschdarstellungen und schwere Vorwürfe

Wenngleich Virologe Christian Drosten die Pandemie unlängst für beendet erklärt hat, so gab es 2022 dennoch eine Reihe von Fauxpas in der Berichterstattung zur COVID-19-Pandemie. In einem Artikel mit der Überschrift „Herr Drosten hat Politik und Medien in die Irre geführt“, erschienen auf CICERO.DE, sieht der Pressrat einen Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht. In dem Beitrag wird ein Nanowissenschaftler interviewt, der Drosten vorgeworfen habe, die Öffentlichkeit über einen nicht-natürlichen Ursprung des Corona-Virus gezielt getäuscht zu haben, um damit eine Labor-Herkunft des Virus zu vertuschen. Der schwere Vorwurf des Wissenschaftlers sei von den Autoren bei Cicero nicht journalistisch eingeordnet worden.

Einen weiteren schweren Verstoß gegen den Pressekodex sieht der Presserat bei der Online-Nachrichtenseite „DIE GLOCKE“. Die Zeitung habe in mehreren Artikeln verschiedene Ärzte und eine Apothekerin aus der Region über die Pandemie zu Wort kommen lassen. Diese sollen dem Forschungsstand nicht bloß widersprochen haben, sondern bezeichneten die Impfung gar als „dramatisches Humanexperiment“. Auch sei behauptet worden, dass die Impfung die Entstehung von Tumoren wahrscheinlicher mache. Auch hier war jegliche journalistische Einordnung leider Mangelware. Erst in Folgeartikeln sei diese nachgeholt worden.

In der Corona-Pandemie hat sich eine breite Front aus „Zweiflern“ gebildet. Querdenker, Esoteriker oder Reichsbürger sind dabei nur einige wenige Gruppen, die man nennen könnte. Doch das Problem reicht tiefer. Es sind nicht bloß einige wenige Randmilieus und -gruppen, die ob ihrer politischen Deprivation ins Schwurbeln abrutschen. Die allgemeine Skepsis, ja teilweise die kategorische Ablehnung eines gemeinsamen Narratives ist bis tief in die Gesellschaft vorgedrungen. Die Medien sind dabei immer wieder Dreh- und Angelpunkt der verschwörungsmythischen Erzählungen dieser Gruppen.

Neben diesen Hardlinern gibt es auch einfach jene, die die Berichterstattung für zu einseitig oder moralisierend hielten. Gerade bei solch einem polarisierendem Thema ist es nicht hinnehmbar, dass Journalistinnen und Journalisten ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachkommen. In der Gesellschaft gibt es immer mehr Menschen, die den Medien misstrauen. Fehler dieser Art begünstigen die Entwicklung.

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